05.23
Zuerst war es nur eine einzige kleine Tätowierung. Irgendwann kam die berühmt- berüchtigte dritte Tätowierung hinzu. Schließlich waren die unter normaler Kleidung im Alltagsleben noch verdeckbaren Körperpartien durch Tätowierungen schon geschmückt. Und wie soll es danach weitergehen ? Wird gar der schwerwiegende Schritt gewagt, auch sog. „öffentliche” Körperpartien wie Hände, Hals, Kopf oder gar das Gesicht zu tätowieren ? Ist dies noch „normal” ? Wird dies vom Schmuckbedürfnis des Menschen noch gedeckt oder liegt hier im medizinischen Sinne ein Suchterkrankung vor, wenn ein Mensch kein Halten bei der Erweiterung seiner Tätowierungen mehr kennt ?
Wer sich im Laufe seiner Tattookarriere dazu entschlossen hat, eine größere Anzahl von Tätowierungen zuzulegen wird irgendwann einmal an den Punkt kommen, sich zu fragen ob jetzt der Punkt erreicht ist, ab dem keine neuen Tätowierungen mehr hinzukommen sollen, oder ob man/frau sich noch weitere Tattoowünsche erfüllen soll. Die erste Tätowierung war vielleicht noch der modische Gag, die Erfüllung eines langgehegten Wunsches oder vielleicht auch das Ausleben einer verrückten Idee. Doch wer mehrfach tätowiert ist, ist der Faszination des permanenten Körperschmuckes in irgend einer Weise erlegen. „Ich finde es soo schön!” ist die beispielhafte Begründung eines Tattoobegeisterten auf die Frage hin, warum er seine Tätowierungen zu einem vollständigen Bodysuit ausbauen will.
Solange dieser Wunsch sich im Rahmen der Verdeckbarkeit unter normaler Alltagskleidung bewegt, ist der Träger von Tätowierungen in der Lage, bei sozialen Kontakten sich entweder als tätowierter Mensch zu erkennen zu geben oder dieses als Teil seiner nichtöffentlichen Privatsphäre für sich zu behalten. Entsprechende Erfahrung aus dem harten Kern der Tattooszene führen jedoch zu der Erkenntnis, daß es für eine offensichtlich immer größer werdende Gruppe von Tätowierten immer schwieriger wird, ihr Gesamtkörper-Kunstwerk für abgeschlossen zu erklären. Immer wieder wird nach einer freien Stelle für eine weitere Tätowierung gesucht. Schließlich ist der Punkt erreicht, an dem der Schritt ernsthaft erwogen wird, sogar Hände, Hals, Kopf oder gar Gesicht tätowieren zu lassen. Was geht in diesen Menschen vor, daß sie sogar diese gesellschaftlichen Tabuzonen ihres Körpers tätowieren lassen wollen und sich so der Gefahr einer lebenslangen Stigmatisierung in unserer Gesellschaft aussetzen wollen ? Ist diese Sammelleidenschaft, ein normales Verhalten, ein Fetisch oder eventuell eine krankhafte Sucht ?
Hierzu Tattoofan Rainer D. „Merkwürdig ist, daß mich die Tatsache einer nicht so guten Verdeckbarkeit an exponierten Stellen (z.B. Unterarme) einerseits abschreckt, andererseits macht gerade dies den besonderen Reiz aus. ……..Ich frage mich halt auch, ob ich mir eines Tages (die Unterarme sind vielleicht schon tätowiert) sage : Hmmm, naja, ein kleiner Zipfel könnte ja noch Richtung Hand weitergeführt werden. Und ein schickes Tribal am Hals sieht doch prima aus ! Hat nicht jede(r)……” Wenn sich der Autor dieser Zeilen seine eigene Einstellung zu den Grenzen einer maximalen Tätowierung im Wandel seiner Jahre „unter der Nadel” Revue passieren läßt, so fällt auf, das die Toleranzgrenzen sich deutlich verändert haben. Ein Vordringen von Tätowierungen auf immer leichter exponierbaren Körperpartien des (eigenen) Körpers wird zumindest toleriert und teilweise sogar aktiv geplant.
Was mögen die Beweggründe für ein „mehr” an Tätowierungen sein ? Eine sicherlich unproblematische Motivation wird der Wunsch sein, ein abgeschlossenes Gesamtkunstwerk zu erhalten und in Verbindung mit den Proportionen des eigenen Körpers harmonische und auch inhaltlich abgerundete Tätowierungen zu tragen. Einen derartig motivierten Tattoo- Begeisterten wird man wohl unzweifelhaft als „seriösen Sammler” bezeichnen können. Er/sie ist sich dessen bewußt wie das Gesamtkunstwerk eines Tages aussehen wird, hat einen mehr oder festen Plan den er/sie umsetzt und hat dabei auch die Rahmenbedingungen seines beruflichen und sozialen Umfeldes berücksichtigt. Doch bei einem Teil der Tätowierten hört das tätowiert werden an dieser Stelle nicht auf, bzw. ohne einen Rahmenplan – bevorzugt sehr spontan – werden bei sich bietenden Gelegenheiten immer neue Tätowierungen erworben. Das Tätowierstudio freut sich darüber, garantieren solche Kunden doch ein gutes, dauerhaftes Geschäft.
Eine tattobegeisterte Frau sagte „Es ist eine Sucht. Mich hat das gleiche Schicksal ereilt. Aus einer Tätowierung wurden ein paar, aus ein paar Tätowierungen wurde …. und so weiter. Das Glückshormon, das beim Tätowieren ausgeschüttet wird, resultiert aus dem dabei entstehenden latenten Schmerz und aus der Gewißheit der Unumkehrbarkeit des Motivs. Nach meiner dritten Tätowierung siegte bereits eine fremde Macht über meine eigene Vernunft.” Hier stellt sich die Frage, ob der gesteuerte Wunsch nach einer Tätowierung inzwischen nicht eventuell zu einer Sucht nach einer Tätowierung oder zu einem Fetisch geworden ist. In so einem Fall ist sicherlich große Vorsicht geboten, bevor eine weitere Tätowierung ausgeführt wird. Hier sollte auch das Verantwortungsbewußtsein eines seriösen Tätowierers einsetzen. Doch leider wird die Nichterfüllung eines Tattoowunsches durch einen seriösen, verantwortungsvollen Tätowierer in der Praxis wohl durch die „schnell verdiente Mark” eines Scratchers kompensiert.
Die erotische Ausstrahlung eines ansprechend tätowierten Körpers wird hier ausdrücklich bestätigt und vom Autor dieses Beitrages auch persönlich gerne gesehen. Doch ein Fetisch wird wohl unzweifelhaft vorliegen, wenn z.B. als Sexualpartner ausschließlich nur noch (stark) tätowierte Personen akzeptiert werden. Hier wird die eigene Entscheidungsfreiheit massiv eingeschränkt und zwanghaft auf das Vorhandensein von (umfangreichen) Tätowierungen fixiert. Dann ist mit Sicherheit die Grenze einer akzeptablen Tattoobegeisterung so weit überschritten worden, das therapeutische Hilfe angeraten ist, um sich nicht in eine Isolationssituation – mit allen daraus ergebenden Folgen – hineinzumanövrieren.
Eine Suchtproblematik in Sachen Tattoos könnte gegeben sein, wenn bei einer schwer tätowierten Person (also Tattoos auf über 50% der gesamten Körperfläche) der Drang besteht, sich unbedingt noch ein weiteres Tattoo zuzulegen ohne das dies in Zusammenhang mit einem Rahmenplan für einen Bodysuit (=Ganzkörpertätowierung) steht, der Entschluß durch ein „Reizerlebnis” spontan ausgelöst wird, oder erwogen wird die kritischen Körperpartien Hände, Hals, Kopf oder Gesicht zu tätowieren. (Natürlich muß dabei differenziert werden. Ein winziger, tätowierter Marienkäfer hinter dem Ohr einer Frau mit langen Haaren, der im normalen Alltag fast nicht sichtbar ist –oder vergleichbare Tätowierungen – sind hier ausdrücklich nicht gemeint.)
Unter Berücksichtigung unserer Berufswelt und unseres sozialen Gefüges in Mitteleuropa ist es nur sehr wenigen Menschen ohne berufliche Nachteile oder gesellschaftliche Stigmatisierung möglich, die erwähnten kritischen (d.h. durch Kleidung nicht mehr verdeckbare) Partien des Körpers tätowieren zu lassen. Hierzu mögen Einzelfälle in der Künstlerszene – speziell im Bodyartbereich – zählen. Der normale Mensch wie „Du und ich” gehört hier eindeutig nicht hinzu.
Da das Risiko besteht, hier könnten sich berufliche und soziale Nachteile durch die weitere Akkumulation von Tätowierungen ergeben, ist zumindest ein kritisches Gespräch über den Hintergrund und die Folgen dieses Wunsches mit einer geeigneten Person angezeigt. Dies sollte jemand sein, der durch die Applizierung der Tätowierung keinen eigenen Vorteil hat und durch eigene bewußte Überlegungen sich der Folgen von weiteren Tätowierungen einigermaßen im Klaren ist. Ob derzeit Suchtberatungsstellen oder Fachärzte mit dieser Thematik ausreichend vertraut sind muß – von wenigen persönlichen Ausnahmen abgesehen – noch bezweifelt werden.
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Die neutrale Beraterposition sollte der anonyme Schreiberling mal besser bei allgemein relevanten Fragen einfordern, also bei Atomkraft, Bankenrettung, Pharmaindustrie, Tierversuchen, Herstellung von Antipersonenminen et cetera. ob jemand ein Spinnenetz im Gesicht hat beschneidet nicht die Rechte seiner Mitmenschen.